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"Die Bundesliga ist einzigartig"

Charly Körbel trug während seiner 602 Bundesligaspiele ausschließlich das Eintracht-Trikot

Frankfurt/Main - Am 24. August 1963 wurde die Bundesliga gestartet. An diesem Samstag jährt sich dieser Tag zum 50. Mal. Im Gespräch mit bundesliga.de bewertet Karl-Heinz ("Charly") Körbel, mit 602 Einsätzen für Eintracht Frankfurt der Bundesliga-Rekordspieler, die Entwicklung von Deutschlands höchster Spielklasse. Der legendäre Vorstopper der Eintracht, der nie Meister, dafür aber vier Mal Pokalsieger und 1980 auch Uefa-Cup-Gewinner war, erinnert sich außerdem an große Gegenspieler und den Trainer, der ihn am meisten gefördert hat.

bundesliga.de: Herr Körbel, die Bundesliga feiert in dieser Woche ihren 50. Geburtstag. 41 Jahre davon haben Sie selbst bis heute aktiv in verschiedenen Positionen miterlebt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Bundesliga?

Karl-Heinz Körbel: Als ich kürzlich bei der Gala in Berlin war, habe ich die geballte Kraft der Bundesliga so richtig gespürt. Was die DFL aufgebaut hat, wie sie sich präsentiert hat und welche Gäste alle da waren, das war schon einzigartig. Franz Beckenbauer, Uwe Seeler, Toni Schumacher, Bernhard Dietz und viele weitere Größen waren da. Das ist die Stärke der Bundesliga. Sie war noch nie so gut aufgestellt wie im Moment. Ich glaube, dass keine andere Liga auf der Welt da mithalten kann. Wenn ich sehe, wie die Liga aufgestellt ist, wie sie weltweit vermarktet wird und wie sie boomt, ist das schon einzigartig. Das war mir vorher nie so aufgefallen. Wir sind eine große Familie. Es waren an die 300 Bundesliga-Spieler dabei. Und auch sportlich hat die Bundesliga aufgeholt. Bayern München, Borussia Dortmund, unsere Nationalmannschaft sind Flaggschiffe, die auch über die Qualität verfügen. Da können auch die Ligen in Spanien, England oder Italien nicht mithalten.

bundesliga.de: Wenn man Sie so hört, könnten man meinen, dass Sie heute noch gerne Profi wären. Beneiden Sie die aktuelle Generation ein bisschen?

Körbel: Ich wäre gerne heute Profi. Gar nicht mal wegen des Geldes, sondern wegen der vollen Stadien. Unter diesen Bedingungen hätte ich auch gerne gespielt. Wir haben früher gegen den Deutschen Meister Werder Bremen vor 17.000 Zuschauern gespielt. Früher waren nur die Spiele gegen die Bayern und die Derbys ausverkauft. Heute ist bei der Eintracht fast jedes Spiel ausverkauft. Mit unserer Mannschaft aus den siebziger Jahren hätten wir bei solchen Bedingungen kein Spiel verloren.

bundesliga.de: Franz Beckenbauer sagte kürzlich, dass er die Spieler von heute nur um den schönen Rasen beneidet. Er hätte früher ab Oktober immer nur auf Dreck spielen müssen.

Körbel: Nicht nur auf Dreck, auch auf Beton. Wir hatten ja fast keine Winterpause und haben im Winter auf den zugefrorenen Plätzen fast wie auf Beton gespielt. Damals gab es ja noch keine Rasenheizung. Heute haben selbst die Trainingsplätze Rasenheizungen. Auch das hat sich unglaublich weiterentwickelt. Die Stadien sind sauber geworden. Zu fast jedem Spiel kommen 50.000 Zuschauer. Auch der Vorverkauf auf die Europa League läuft bei der Eintracht sensationell, obwohl der Gegner anfangs noch gar nicht feststand. Früher wären vielleicht 8.000 Zuschauer ins alte Waldstadion gekommen.

bundesliga.de: Wer war Ihr liebster Gegenspieler in Ihrer aktiven Karriere?

Körbel: Gerd Müller.

bundesliga.de: Weil Sie den 18 Jahre zur Verzweiflung getrieben haben und er gegen Sie nie in Frankfurt gewinnen konnte?

Körbel: So ist es. Weniger gern gespielt habe ich gegen Klaus Fischer. Der hat mir als 19-Jährigen beim Bundesliga-Auftakt auf Schalke gleich mal gezeigt, wie es geht und drei Tore gegen uns geschossen. Wir haben hoch verloren. Da wusste ich, was in der Bundesliga los ist.

bundesliga.de: Gab es für Sie persönlich besondere Höhepunkte in der Bundesliga, an die Sie noch gerne zurück denken?

Körbel: Da gab es viele. Viele Geschichten fallen einem wieder ein, wenn man die Leute wiedertrifft. Spontan könnte ich jetzt nicht das tollste oder schlechteste Spiel benennen. Ich habe mir auch mal das Bein gebrochen.

bundesliga.de: Von welchem Trainer haben Sie persönlich am meisten profitiert?

Körbel: Von Dietrich Weise. Er war damals nicht nur Trainer sondern auch Manager. Er hat sich intensiv um mich als jungen Spieler gekümmert. Er hat den Trainingsplan vorgegeben, mir auch mal frei gegeben, um mich nicht zu überfordern. Er hat mir auch im Vorfeld klar gesagt, was ich bei der Eintracht verdienen kann: "So viel und nicht mehr."

bundesliga.de: Empfanden Sie früher das Spiel als viel langsamer als heute? Hat Sie die Manndeckung eingeengt?

Körbel: Franz Beckenbauer hat zu mir gesagt, ich wäre immer nur dem Mann hinterher gelaufen. Das stimmt aber nicht. Wir haben schon unter Gyula Lorant die Raumdeckung gespielt. Das hat aber keiner so richtig bemerkt. Wir haben 22 Spiele nicht verloren. Er war ein Vorreiter der Raumdeckung in der Bundesliga.

bundesliga.de: Beim HSV spielten die Hamburger, in Köln die Kölner und in Frankfurt die Hessen, es gab kaum ausländische Spieler in der Bundesliga. War aus Ihrer Sicht die Kameradschaft und der mannschaftliche Zusammenhalt früher größer? Inwieweit hat sich das geändert?

Körbel: Früher hat ein Franz Beckenbauer in München, ein Uwe Seeler in Hamburg oder ein Toni Schumacher in Köln gespielt. Zu jedem Spieler fällt Dir eine gemeinsame Geschichte ein, über die man dann bei solchen Anlässen wie der DFL-Gala gerne spricht. Alle haben Geschichte geschrieben. Als die Eintracht nach dem deutschen WM-Debakel bei der Weltmeisterschaft 1978 Bruno Pezzey für, wenn ich mich richtig erinnere, 500.000 DM verpflichtet hat, hieß es noch, dass wir jetzt in Frankfurt alle Banken verkaufen müssen. (lacht) Das ist ja nichts im Vergleich zu den Summen, die heute aufgerufen werden. Die Kameradschaft und der Umgang ist auch heute, um auf Ihre Frage zurückzukommen, außergewöhnlich gut. Diese Freude, diese Leidenschaft hat uns bei der Eintracht ja durch die letzte Saison getragen. Das gibt es also auch heute noch. Das meint auch Jupp Heynckes, der gleiches in München erlebt hat und immer von seiner Mannschaft gesprochen hat, die für ihn durchs Feuer gegangen ist. Die Kameradschaft ist heute nicht schlechter als früher, sie ist anders.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski